12. Mai 1912: Die Sturmkatastrophe von Sehlis

Am 12. Mai 1912 erlangte Sehlis schlagartig Popularität. Innerhalb weniger Minuten wurde der Ort durch eine Windhose nahezu vollständig in einen Trümmerhaufen verwandelt. Es grenzt an ein Wunder, dass nach  Überlieferung niemand sein Leben verloren hat.

Hier Auszüge aus einem Artikel von Mario Kottke: "Die Windhose vom 12. Mai 1912 - Ein Tornado im Leipziger und Wurzener Land":
 

[...] Kurz darauf traf der Wirbelsturm das kleine Parthendörfchen Sehlis und zerstörte dieses fast vollständig. Lassen wir einen Augenzeugen berichten:

 

"Als das Gewitter herankam, bemerkte ich, wie mein Hund in ganz merkwürdiger Weise heulte. Er hatte den Schwanz eingezogen und bellte förmlich verzweifelt den tiefschwarzen Himmel an. Ich machte noch einmal die Runde auf meinem Hof und prüfte Schlösser und Türen, als plötzliche während des ersten Regens ein schauriges Pfeifen und Surren erschall. Das Geräusch wurde zu einem harten Prasseln und im nächsten Augenblick stürzte ein großer Baumast auf meinen Hof. Da erhob sich im Orte ein Krachen und Poltern, untermischt von dem Brüllen der Rinder, dem Bellen der Hunde. Menschliche Schreie ertönten, Balken krachten. Ein paar Pferde oder Rinder rasten, irgendwo freigeworden, am Hoftor vorüber, ein Ziegelsteinhagel prasselte über die Straße, so dass man denken mochte, die Welt gehe unter. In verhältnismäßig kurzer Zeit war das Unwetter aber auch wieder vorüber. Die Nachbarn traten mit Tischlampen und Stalllaternen auf die Straße, wo sich allen ein schrecklicher Anblick bot." (1)

Zuerst wurde das Sperlingsche Gut getroffen, die große Scheune angehoben und glatt umgeworfen. Gleichzeitig traf es das Gehöft des Gemeindevorstehers Klaß. Dieser berichtete darüber:

 

"Ich habe um 10.00 Uhr mit meiner Familie, die wegen des Unwetters unruhig geworden war, zu Bett gelegen, als etwa 1/2 11 Uhr ein furchtbares Getöse entstand und ein ganzes Fenster mit Macht in die Schlafstube gedrückt wurde. Wenige Minuten darauf hatte der Wirbelstrum schon sein Werk vollendet und meinen ganzen Hof verwüstet." (2)

 

Das Dach des Seitengebäudes wurde über das des Wohnhauses geschleudert und in den Hof geworfen. Danach traf es Poppes Hof und die 700jährige Wehrkirche inmiten des Dorfes. Während das Schiff abgedeckt wurde, wurde der gesamt Dachstuhl des Kirchturms herausgerissen und mitsamt den großen Flügeln vom Friedhofstor in den 150 Meter entfernten Dorfteich geschleudert.
Auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört, denn viele Grabsteine wurden umgeworfen und das fünf Zentner schwere Zinkblechdach einer Grabkapelle um eine Pappel am Teich gewickelt.

 

Auch die sechs Wochen vorher neu eingeweihte Schule wurde abgedeckt, wobei die komplette Rückwand im Obergeschoß herausgedrückt wurde. Der junge Lehrer Voigt, der mit seiner Gattin bereits zur Ruhe lag, konnte diese gerade noch erfassen und in Sicherheit bringen. Die Gutshöfe Beier und Koblenz, sowie die damalige Kohlehandlung Jähnig wurden teilweise dem Erdboden gleichgemacht. Auch der berühmte und ertragreiche Obstbestand von Sehlis war fast völlig vernichtet.

 

Ältere Besitzer meinten: "Dächer und Gebäude können wieder hergestellt werden, aber ein neuer Obstbaumbestand - das erleben wir nicht mehr." (3)

 

Nach ca. zwei Minuten hatte der Tornado das Dorf überquert, und es grenzt fast an ein Wunder, dass bei all der Verwüstung kein Mensch zu Schaden kam. [...]